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Faszinierende Blicke hinter rätselhafte Fassaden
Vortrag und Diskussion zu Autismus im Linerhaus


Die Referenten Klaus Kokemoor (links)
und Matthias Brien

„Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“ Den Satz von Eltern oder Lehrern hat wohl jeder schon einmal gehört. In was für eine schwierige Lage er autistische Kinder versetzt, das konnte Matthias Brien kürzlich vor über 200 Zuhörern in der Aula der Stiftung Linerhaus anschaulich machen. Zusammen mit Klaus Kokemoor hielt er einen Vortrag über Autismus und das Asperger-Syndrom in Familie, Schule und Beruf.

Der fehlende Blickkontakt kommt Eltern und Erziehern von autistischen Kindern bekannt vor, und Matthias Brien - selbst Asperger-Autist - kennt das Verhalten aus eigener Erfahrung: „Um zu begreifen, was mir gesagt wird, schaue ich am besten aus dem Fenster. Denn wenn ich meinem Gegenüber in die Augen sehe, kann ich mich nicht mehr darauf konzentrieren, was ich höre“. Häufig löse das bei anderen Irritation und Kränkung aus, was sich wiederum negativ auf die Beziehungsebene auswirke.

„Autisten haben die Schwierigkeit, Mimik und Gestik als Mitteilung zu verstehen“, erläutert Kokemoor. Und Brien ergänzt: „Das ist wie eine Geheimsprache der anderen, die ich nicht verstehe. So gehen sowohl der lobende Blick als auch der tadelnde an mir vorbei. Viel wichtiger in der Wahrnehmung von Menschen sind für mich und andere Autisten Strukturen, die ich z.B. in Haaren erkenne oder in den geometrischen Mustern, die sich aus Körperhaltungen ergeben. Unser Gehirn belohnt uns Autisten mit Endorphinen, wenn wir Strukturen erkennen. Dann fühlen wir uns gut und sicher. Umgekehrt geht es uns sehr elend, wenn wir keine Strukturen erkennen. Das betrifft nicht nur unsere visuelle Eindrücke, sondern auch unser Hören, Fühlen und sogar das Schmecken.“

„Da wird mir einiges klar“, staunt Katja Bahr. Zusammen mit ihrem Mann Michael ist sie zum Vortrag gekommen, weil ihr 16jähriger Sohn Asperger-Autist ist. „Jetzt kann ich mein Kind und seine spezielle Wahrnehmung viel besser verstehen.“

Dabei helfen, autistische Menschen zu verstehen, genau das wollen Klaus Kokemoor und Matthias Brien.
Mit dem „Autismuskonzept“ haben sie einen Ansatz entwickelt, Kindern mit dieser Entwicklungsstörung dabei zu helfen, sich zu öffnen und Freude an Kommunikation zu gewinnen. Außerdem beraten sie Eltern, Pädagogen und Institutionen dabei, Autismus zu verstehen und besser mit Betroffenen umzugehen.

Klaus Kokemoor ist Sozialpädagoge und war viele Jahre im Therapiezentrum für autistische Kinder in Hannover tätig. Matthias Brien ist Heilpraktiker für Psychotherapie und kann als Betroffener besonders anschaulich die Andersartigkeit im Erleben und Wahrnehmen schildern und die sich daraus ergebenden Missverständnisse und Fehlurteile verdeutlichen.
Durch diese Teamkonstellation können die beiden eine besondere Vortragsform anbieten, die tiefe Einblicke in die Entwicklungsstörung Autismus ermöglicht und die die außergewöhnliche Realität von autistischen Kindern vermittelt.

„Wir Nicht-Autisten haben einen ganz anderen Blick auf die Welt als die Betroffenen“, fasst Kokemoor den Kern des Vortrags zusammen. „Das zu verstehen ist wichtig, um eine Beziehung zu Menschen mit Autismus aufzubauen und um Konflikte zu vermeiden. Dann können wir die betroffenen Kinder in die Lage versetzen, dass es ihnen gut geht.“

Die Entwicklungsstörung Autismus äußert sich oft durch große Kontaktscheue und stereotype Bewegungsmuster, was es erschwert, eine empathische Beziehung aufbauen zu können.  Besonders für Eltern und Geschwister, aber auch für Pädagogen und Therapeuten ist das irritierende Verhalten der Kinder oftmals nicht einzuordnen. Ratlosigkeit ist die Folge und damit das Gefühl des Versagens auf beiden Seiten.


So war der Vortrag mit anschließender Diskussion besonders für Eltern aufschlussreich. Aber auch die zahlreich erschienenen Fachleute aus Schule und Therapie wie auch Ansprechpartner von Jugendämtern profitierten von den Informationen und dem Fachdiskurs.

Die Schulbegleiterin Monika Klose berichtet: „Für mich waren besonders die lebhaft erzählten Fallbeispiele sehr aufschlussreich, zum Beispiel zu Spiel- und Essgewohnheiten und Kleidungsvorlieben. Ich habe das Gefühl, den Kindern mit Autismusstörungen wieder ein Stück näher zu sein.“

Auch Petra Sievers-Grüning ist Schulbegleiterin und inzwischen im vierten Jahr an der Seite eines autistischen Kindes: „Der Vortrag hat mich in meiner Arbeit bestätigt und mir wieder deutlich gemacht, dass es das A und O ist, eine Beziehung zum Kind aufzubauen und es positiv zu erreichen. Dann kommt auch etwas zurück vom Kind. Diese Beziehung ist dann die Grundvoraussetzung dafür, dass das Kind in der Kita und in der Schule lernen kann.“

Neben den Inhalten ist ihr auch die Form der Veranstaltung wichtig: „ Hier informieren sich Eltern, Pädagogen, Mediziner und Therapeuten gemeinsam und kommen ins Gespräch. Die Vernetzung und die Kooperation aller Beteiligten ist von großer Bedeutung, denn dann fängt nicht jeder wieder von vorne an in der Beziehung zum betroffenen Kind.“

Eben dieser fachübergreifende Diskurs war Ziel der Veranstalter von der Stiftung Linerhaus und der Paul-Klee-Schule. „Eltern autistischer Kinder haben immer wieder das Gefühl, nur unzureichend auf ihre Kinder eingehen zu können“, ist die Erfahrung von Martina Mähling, Abteilungsleiterin bei der Stiftung Linerhaus und verantwortlich für die Schulbegleitung. „Diesen Eltern möchten wir ein Forum bieten zum Austausch untereinander und mit Fachleuten verschiedener Berufzweige, die mit autistischen Kindern arbeiten. Dass heute über 200 Menschen zu dieser Veranstaltung gekommen sind kann den Eltern Mut machen: Da sind Menschen, die sich intensiv dem Thema Autismus in Familie, Schule und Therapie widmen, die die Eltern in Zukunft noch besser beraten können.“ Der pädagogische Leiter der Stiftung Linerhaus, Thomas Röttger, will die Unterstützung für Familien mit autistischen Kinder auf solide Beine stellen: „Wir arbeiten am Aufbau einer Autismus-Ambulanz und verhandeln derzeit mit den Kostenträgern.“


Thomas Röttger (rechts) bei der Begrüßung neben Martina Mähling und Uwe Kirchner

„Und besondere Betreuung und Beratung ist nötig“, ergänzt Uwe Kirchner, Rektor der Paul-Klee-Schule: „Im letzten Jahr haben wir vom Elternforum Autismus sechs Veranstaltungen in der Stiftung Linerhaus durchgeführt und viel positive Resonanz bekommen. Dabei ist es sowohl inhaltlich als auch organisatorisch ein Glücksfall, dass wir auf die Stiftung Linerhaus getroffen sind: Hier haben sich zwei Partner gefunden, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben. In Zukunft können wir die Zusammenarbeit hoffentlich weiter ausbauen und mit dem Forum Eltern wie auch Fachleuten die Möglichkeit bieten für Rückkopplung und Anregungen.“


Klaus Kokemoor, Uwe Kirchner, Martina Mähling, Thomas Röttger, Matthias Brien (stehend v.l.n.r.)

„Mein Mann und ich sind beeindruckt  von dem Vortrag und sehr glücklich, dass wir da waren“, bilanziert Katja Bahr am Ende der Veranstaltung. „Herr Brien hat so anschaulich, reflektiert und auch privat beschrieben, wie er die Welt und die Menschen um sich herum wahrnimmt und mit welchen Schwierigkeiten und Missverständnissen er im Alltag zu tun hat. Das war ein irre faszinierender Blick hinter die Fassaden. Von den praktischen Ratschlägen hätte ich gerne noch mehr gehört.“ Vom Elternforum Autismus hatte sie erstmals gehört: „Nun werden wir auch anderen betroffenen Eltern von diesem wichtigen Netzwerk erzählen. Viele wissen ja gar nicht, was es an Hilfsangeboten gibt und reiben sich auf zwischen Ämtern, Anträgen, der Schule und den Bedürfnissen ihrer Kinder“.

Die Veranstaltung „Das Asperger-Syndrom im Kontext von Schule, Familie und Beruf“ mit Klaus Kokemoor und Matthias Brien fand statt am 10. Mai 2012 im Rahmen des Elternforum Autismus in der Aula der Stiftung Linerhaus in Altencelle.

Veranstalter und Ansprechpartner
für weitere Informationen:
Martina Mähling
Abteilungsleitung - Schulbegleitung
Stiftung Linerhaus
Tel.: 05141 – 804-111
E-Mail: linerhaus.maehling@t-online.de

Uwe Kirchner, Schulleiter
Paul-Klee-Schule
Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung
Tel.: 05141 - 48 70 953
E-Mail: schulleitung@paul-klee-schule-celle.de