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Jam Session mit Barfliegen
Menschen mit MS und jugendliche Musiker präsentieren Hörspiel
Celle/Altencelle – „Barfliege, Barfly. Komm her, setz dich zu mir, ich vertreib dir den Blues“ singt Asya Pritchard mit ihrer samtig souligen Stimme zum Reggae-Sound der Band. Auf der Bühne nimmt Friederike Rose das Mikro in die Hand: „In einer Bar, da ist auch Unrat. Unrat genug für mindestens eine Armee von Fliegen.“ Und Christoph Linder ergänzt, während er aus dem Zuschauerraum an die Bühne tritt: „Die anhänglich sind, als hätten sie es gerochen. Sie kommen. Sie fliegen. Sie sirren."
Barfliege
Die 17-jährige Sängerin, die 42-jährige Bewohnerin der MS-Wohngruppe und der Schauspieler vom Glocksee-Theater Hannover sind Teil des Hörspielprojektes „Barfliegen“ der Stiftung Linerhaus. Dazu haben sich die Band Funkstörung der Kreismusikschule Celle und die Gruppe „KulturTäter“ aus dem MS-Heim der Stiftung zusammengetan. In einer energiegeladenen Jam Session präsentierten die 30 Beteiligten am 13. November ihr selbst produziertes Hörspiel, zu dem die Jugendlichen die Musik komponiert und die MS-Erkrankten den Text geschrieben haben. Das Ergebnis ist mal bizarr, mal philosophisch, und durch die Mischung aus Lesung, poetry-slam und jazzige Einlagen aus dem „Orchestergraben“ entsteht ein dichtes Barszenario.
160 ZuschauerInnen verfolgten das zweistündige Hörspiel und lauschten aufmerksam den schrägen und anrührenden Geschichten: Da setzen sich die Fliegen auf Mitarbeiter und Gäste der Bar, da treffen Halbweltfiguren und Gangster auf Träumer und Verliebte. Da beginnen die Figuren und Dinge ineinander zu fließen und surreale Bilder entstehen. Da grooved die Musik und die Fliegen flirren durch den Saal. „Der Spaß der Akteure am Zusammenspiel von Wort und Musik, ihre Lust an spontan improvisierten Szenen haben mich begeistert“, lobte Zuschauerin Frauke Hoß nach der Vorstellung. „Auf und vor der Bühne war so viel Vitalität zu spüren, dass ich die Rollstühle gar nicht mehr beachtet habe.“
Torsten Sievers von den „KulturTätern“ erinnert sich an die Anfänge des Projekts und die Begegnungen mit der Band: „Erst wusste keiner, was wir machen sollen. Dann hat es sich entwickelt. Alle haben mitgemacht und hatten Spaß dabei.“ Auch seine Mitbewohnerin Anna Papenhagen ist zufrieden mit dem Projekt: „Wie das Ganze ablief war wirklich toll! Ich musste noch viel lernen, mich hinein finden. Ich stehe ja auch mal quer. Aber ich habe alles aufgemacht – den Kopf und das Herz.“ Und Marina Weber ergänzt: „Es steckt von jedem von uns etwas drin. Jeder brachte etwas ein, manches kam durch, manches nicht. Aber jeder findet sich wieder.“
Auch die jugendlichen Musiker standen der anderen Gruppe zunächst vorsichtig und abwartend gegenüber. „Aber die Beziehung hat sich verändert. Jetzt kennt man sich“, beschreibt Tom Osteroth die Begegnungen. Und Asya Prichard ergänzt: „Vor allem die Stimmen der KulturTäter haben im Laufe der Zeit eine große Bedeutung für mich bekommen. Sie sind charaktervoll und intensiv. Ich habe so meine Lieblingsstimmen!“
Das Hörspiel-Projekt „Barfliegen“ wurde gefördert von der Lüneburgischen Landschaft und dem Fonds Soziokultur. Der Fonds Soziokultur fördert mit Bundesmitteln vorhaben, die neue Aktionsformen in der Soziokultur erproben und somit Modellcharakter haben. Das Hörspielprojekt hatte im bundesweiten Wettbewerb um die besten Projektideen den Förderzuschlag bekommen.
„Mit unserer Kulturarbeit im MS-Heim detektivieren wir zusammen mit den Teilnehmern“, berichtet die Projektleiterin Michaela Grön. „Wir entdecken Ressourcen, Kreativität und ungeahnte Möglichkeiten und brechen aus dem Alltag der BewohnerInnen aus, der von Passivität und Einschränkungen durch die Krankheit geprägt ist.“ Der Theaterpädagoge Matthias Bittner ergänzt: „Die Bar steht dabei für einen Gegenentwurf zum Alltag, eine Schwärmerei. Sie ist ein Ort, an dem das Leben in einem Schwebezustand verläuft, jenseits von Zeit und Raum.“
 
Ergänzend zur Aufführung erscheint in Kürze das Textbuch des Hörspiels mit einem Live-Mitschnitt und einer Studioaufnahme.