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Fernöstliche Kultur hautnah
Vater und Sohn berichten Kindern der Stiftung Linerhaus über China

„Der Lehrerin mit einem Nein zu antworten? Das hätte ich mich in China nie getraut“, erinnert sich Mingchen. „Da hätte ich zur Strafe sicher nachsitzen müssen.“ Sein Vater ergänzt: „Auch gegenüber Vorgesetzten gilt ein Nein in China als sehr unhöflich. Das kann hier in Deutschland schon mal zu Missverständnissen führen.“ Vor drei Jahren sind der 14jährige Junge und sein Vater, Wei Chen, mit ihrer Familie aus China nach Deutschland gekommen. Nun sitzen sie 14 neugierigen Kindern aus dem Jugendhilfeprojekt Lachendorf der Stiftung Linerhaus gegenüber und berichten von ihrem Herkunftsland, der chinesischen Kultur und dem Alltag. Farbenfrohe Fächer, Bilder von pulsierenden Metropolen, Drachen und Fahrradrikschas bringen fernöstliches Flair in die Räume des Jugendhilfeprojektes. „Überhaupt ist es in der Schule ganz anders“, berichtet Mingchen. „Die Schüler sind in China viel disziplinierter und ehrgeiziger als hier in Deutschland.“ Sie dürften im Unterricht nicht reden und müssten möglichst still sitzen. Wer sich nicht an die Regeln halte, müsse zur Strafe zum Beispiel während des Unterrichts stehen.
„Drei Mal am Tag, morgens, mittags und abends, finden für alle Schüler gemeinsame Gymnastikübungen statt“, erzählt der Vater. „Und sie tragen Schuluniform“. Das habe den Vorteil, dass anhand der Kleidung nicht erkennbar sei, welche Kinder aus einem wohlhabenden und welche aus einem armen Elternhaus kämen.
Die Linerhaus-Kinder sind erstaunt über die Unterschiede zwischen den Schulsystemen. „Bis fünf Uhr am Nachmittag geht in China die Schule! Und selbst in den Pausen müssen die Schüler noch kleinen Aufgaben erledigen“, wundert sich die junge Zuhörerin Tessa. „Und dann auch noch Hausaufgaben, da bleibt ja keine Zeit mehr zum Spielen.“

Viel Wissenswertes berichtet Wei Chen auch über Chinas Geografie und Kultur: „China ist 27-mal größer als Deutschland und ca. 1,2 Milliarden Menschen leben dort. In Deutschland zum Vergleich nur 82 Millionen.“ Unvorstellbar groß sei auch die chinesische Mauer, die hinsichtlich Volumen und Masse als das größte Bauwerk der Welt gelte. Der Bau der Mauer, die als Grenzbefestigung vor Angreifern aus dem Norden schützen sollte, habe 1000 Jahre gedauert. Der chinesische Drachen symbolisiere Macht. So sei zu Kaiserzeiten nur dem Kaiser selbst das Tragen von Drachensymbolen erlaubt gewesen. Von Mingchen und seinem Vater erfahren die Kinder auch vom Philosophen Konfuzius und von der chinesischen Medizin, die mit  Akupunktur und Akupressur auch in der westlichen Welt bekannt geworden ist.  

Schließlich gibt Mingchen seinen Freunden aus dem Jugendhilfeprojekt noch eine handfeste Aufgabe: Mit Ess-Stäbchen sollen sie Weingummi aufnehmen und in den Mund balancieren. Was er selbst geschickt demonstriert führt bei allen anderen zu Schwierigkeiten und Lachern.

Seit zwei Jahren besucht Mingchen das Jugendhilfeprojekt Lachendorf der Stiftung Linerhaus. Das brachte die pädagogischen Mitarbeiter, Matthias Rehli und Lea Borchers, auf die Idee zu diesem Chinaprojekt. „So können die Kinder hautnah einen Einblick in eine andere Kultur bekommen“, freut sich Rehli über das Engagement von Mingchen und Wei Chen. Und manche Anregung für das deutsche Schulsystem nimmt der Sozialpädagoge auch mit: „Die täglichen Bewegungsübungen in der Schule fände ich toll! Das wäre ein sinnvoller Ausgleich für die vielen Stunden, die die Kinder hierzulande vor dem Computer verbringen“.
Zum Abschluss  überreichen Mingchen und sein Vater den Kindern der Stiftung Linerhaus einen Glückskeks und ihren Namen in chinesischen Schriftzeichen.

Jugendhilfeprojekt Lachendorf der Stiftung Linerhaus
Das Jugendhilfeprojekt betreut 15 Kinder und Jugendliche aus der Samtgemeinde Lachendorf im Rahmen der sozialen Gruppearbeit nach §29 des KJHG. In einer festen Tagesstruktur mit Mittagessen, Schulaufgabenbetreuung und Freizeitangeboten erlernen die Kinder soziale Kompetenzen. Elternberatung, Ferienfreizeiten und die Kooperation mit Institutionen vor Ort runden das Angebot ab.

Das Projekt wurde am 01.11.2000 gegründet und wird geleitet vom Sozialpädagogen Matthias Rehli und der Erzieherin Lea Borchers