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Die Kulturgruppe im MS-Heim gewinnt Hertie-Preis

Für ihre kreative und intermediale Arbeit werden 14 Bewohner des MS-Heims der Stiftung Linerhaus mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe des Jahres 2009 ausgezeichnet: Sie gewinnen ein Preisgeld von 15.000 Euro.

Der nun zum 18. Mal vergebene Hertie-Preis würdigt modellhafte Aktivitäten von Selbsthilfegruppen und besonders engagierte Helfer im Bereich der Multiplen Sklerose und der neurodegenerativen Erkrankungen.

Die Feierstunde zur Preisverleihung wird am 26. November um 10:30 Uhr im MS-Heim der Stiftung Linerhaus in Altencelle, Linerweg 1, stattfinden. Zur Begrüßung spricht der Vorsitzenden des Stiftungsrates, Axel Lohöfener, Celle. Anschließend wird Dr. Eva Koch, Projektleiterin Multiple Sklerose, von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Frankfurt die Laudatio halten und die Auszeichnung überreichen. Schließlich stellen die Teilnehmer der Kulturgruppe Auszüge aus ihren Texten vor.

Ansprache
Musiker

Gezeigt wird auch die Videoinstallation „Wie klingt die Sonne“, eine Text-Ton-Bild-Collage mit synästhetischen, künstlerischen, biografischen und fiktiven Antworten auf die Frage nach der Sonne. Den musikalischen Rahmen werden die Musiker Lars Stoermer am Saxophon und Klaus Spencker an der Gitarre gestalten.

Angehörige und Freunde, Mitbewohner und Mitarbeiter sowie geladene Gäste feiern mit den von der Hertie-Stiftung Geehrten das besondere Ereignis.

Geehrte
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Die Kulturgruppe des MS-Heims der Stiftung Linerhaus besteht seit 2007 mit den zwei Zweigen: Schreibwerkstatt und Videowerkstatt. Mit beachtlichem Erfolg wurden die Zeitschrift ms lina herausgegeben und zwei Videoinstallationen veröffentlicht mit Collagen aus Texten, Tönen und Bildern.

Michaela Grön, Kulturwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Linerhauses, leitet die Gruppe zusammen mit den beiden Kultur- und Medienpädagogen Annette Rösel und Matthias Bittner.

„Kunst und Kultur kennen keine körperlichen, geistigen oder sozialen Grenzen“, sagt Michaela Grön. „Die Erfahrungswelt der Bewohner ist durch die Erkrankung mit Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium geprägt. Sie müssen Einschränkungen hinnehmen. Sowohl körperlich als auch in der gesellschaftlichen Teilhabe stoßen sie immer wieder auf Grenzen. Mit unserer Arbeit in der Kulturgruppe wollen wir im Gegensatz dazu Möglichkeitsräume eröffnen und ästhetische und kommunikative Fähigkeiten stärken. So fördern wir auch die persönliche und öffentliche Wahrnehmung von Schwerstbehinderten als kreative, produktive und eigenwillige Persönlichkeiten.“

Für die 14 Bewohnerinnen und Bewohner, die sich darauf einlassen, ist die gemeinsame Arbeit an Texten und Videobildern ein Höhepunkt der Wochenstruktur.

Begeistert erzählen sie: „Es geschieht sehr viel Schönes, sehr viel Produktives“, so Angelika Tebbe: „Ich finde es so gut, dass unser Geist angeregt wird. Wir werden ganz persönlich gefragt. Es wird aufgeschrieben, wird festgehalten und geht nicht verloren.“ Hannelore Heine meint: „Der Geist tanzt den Purzelbaum, den wir nicht mehr machen können“. „Ich finde es wichtig, dass wir in die Welt getragen werden“, betont Anna Papenhagen und Beate Kliewer spitzt zu: „Und nicht unter den Teppich gekehrt werden!“

Die Freude über den Hertie-Preis mit der damit verbundenen öffentlichen Anerkennung ist groß und weckt viele Ideen zur Verwendung des Preisgeldes: An erster Stelle steht die Anschaffung eines leistungsfähigen Computers, der Bewohnern mit motorischen oder sprachlichen Einschränkungen neue Möglichkeiten zur barrierefreien Kommunikation bieten kann. Etwa mit Software zum Schreiben ohne Tastatur und Maus. Oder mit einer Sprachausgabe.

Außerdem steht die Kulturgruppe am Beginn eines neuen Projektes: „Spiels noch einmal, Sam – Shortstorys in einer Bar“. Erstmals in Kooperation mit jugendlichen Musikern soll ein Hörspiel entwickelt, produziert und öffentlich präsentiert werden. Die „Bar“ steht dabei für einen Ort, an dem das Leben der aufeinander treffenden Figuren in einem Schwebezustand ist, jenseits von Zeit und Raum. Eine Schwärmerei, ein Gegenentwurf zum Alltag der Bewohner, der von Passivität und Einschränkung geprägt ist. Dieses Projekt will integrativ, intergenerativ und interdisziplinär kulturelle Strategien erproben für die gesellschaftliche Teilhabe und gegen soziale Ausgrenzung von Behinderten.

Bei dem Zusammentreffen von vermeintlich schwachen Schwerstbehinderten mit vitalen jungen Menschen sind sicherlich spannende Begegnungen zu erwarten.