Aktuelles

Horizonte überhüpfen
Die Kulturgruppe im MS-Heim

„Wo ist Hans?“
„Hans bleibt heute Nachmittag im Bett. Er ist heute früh mit nach Hannover gefahren. Das hat ihn angestrengt.“
„Wie schade. Dann kommt er ja gar nicht in die Schreibgruppe.“
„Ja, das stimmt. Aber vielleicht mag er Besuch von der Schreibgruppe.“
Hans ist einverstanden und so stehen in kurzer Zeit vier Rollstühle um sein Bett. Eigentlich stand für heute eine lyrische Kurzform auf dem Programm. Doch die Eindrücke des Vormittags wollen erzählt, beschrieben werden. Hans und Arne waren im neu eröffneten Aquarium in Hannover. Beate, Doro, Helmut und Arne hören gespannt zu, fragen nach. Wie war es genau? Wie haben die Fische ausgesehen, wie die Aquarien? Was gab es noch zu sehen? Hans und Arne erzählen so lebendig! Bilder tauchen beim Erzählen auf, Geräusche, Gerüche. Die Zuhörenden werden Teilhabende. Die Worte werden Text
1.
 

Es ist das zweite Treffen der Schreibgruppe im Juni 2007. Sie ist ein Teil der Kulturgruppe, die seit Februar 2007 besteht und von Michaela2 geleitet wird. Im kommenden Jahr, im September 2008, hat das MS-Heim der Stiftung Linerhaus 20-jähriges Jubiläum, und dafür wollen die TeilnehmerInnen der Kulturgruppe einen Beitrag gestalten. „Wir leben hier wie im Paradies,“ sagt Arne. „Das möchten wir ausdrücken und anderen mitteilen. Das geht doch am besten in einer Zeitung“. Die Idee finden alle gut, und so werden zwei weitere Fachkräfte für die Realisierung angeheuert: In einem Sonntags-Workshop mit Sascha3 lernt die Gruppe wichtige Grundlagen zu journalistischen Textsorten wie Meldung, Reportage und Interview. Aus der Schreibwerkstatt mit Annette4 ist eine feste Schreibgruppe geworden, die sich seit Mai regelmäßig trifft.

Malin wartet auf Spielgefährten
Helmut, Arne und Hans

Bei der Erzieherin Elke Sombeck fühlt sich Malin geborgen
Beate, Jana, Michaela, Doro, Helmut und Arne

Bei der Erzieherin Elke Sombeck fühlt sich Malin geborgen
Annette, Beate und Jana

Jana ist noch dazu gekommen, und Anne nimmt teil, wenn es ihre Gesundheit erlaubt. So sind 7 BewohnerInnen regelmäßig beim Schreiben dabei5. Das äußere Ziel ist klar: Die LeserInnen sollen in einer Jubiläumszeitschrift vom reichhaltigen Leben im MS-Heim erfahren. Schon bald hat sich gezeigt, dass es um sehr viel mehr geht: Die BewohnerInnen melden sich zu Wort und werden in der Öffentlichkeit gehört und gelesen.
Über ihre Arbeitsweise berichtet Annette: „Die Texte entstehen im Gespräch. Im Sinne der Co-Autorenschaft erzählen die TeilnehmerInnen, was sie mitteilen wollen, und ich schreibe so detailliert wie möglich mit, frage nach oder bitte um Wiederholung, wenn die Worte zu flüchtig gewesen sind. Später, wenn die Texte in den Computer kommen, glätte ich den Text, stelle um, ändere bei Gedichten auch mal Rhythmus und Wortwahl, achte aber darauf, die Meinung der AutorInnen in den Vordergrund zu stellen. ‚Es ist, als vergoldetest Du die Texte’, sagte eine der Teilnehmerinnen kürzlich zu meiner Arbeit. Ich selber sehe mich als Skriptorin und Lektorin, die Autorenschaft liegt in der Gruppe. Deswegen stelle ich nach jeder Stunde auch den Text noch einmal zur gemeinsamen Überarbeitung vor. Und wenn jemand noch eine Veränderung wünscht, wird darüber diskutiert. Denn hinter dem Ergebnis soll die ganze Gruppe stehen.“

Die Die Gruppe hat seit ihrem Bestehen schon viel geschrieben. Dabei schöpft ein jedes Mitglied aus seiner lebenslangen Erfahrung, aus der Zeit vor und während der Erkrankung. Berichte über das Leben im Heim, über Aktionen und Fahrten, Interviews mit BewohnerInnen und dem Heilpädagogen. Im Sommer 2007 stand die Fahrt nach Italien im Vordergrund, an der drei aus der Gruppe teilnahmen. Die Begeisterung, die die Heimkehrenden mitbrachten, hat die anderen AutorInnen angesteckt und beflügelt6.
Nach einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit blickt Annette zufrieden auf das Entstandene zurück und freut sich auf die weitere Arbeit: „Die Gruppe ist den AutorInnen wichtig geworden. Sie nehmen regelmäßig daran teil und freuen sich, dass die Schreibgruppe weiterhin stattfinden kann. Ich habe den Eindruck, dass das Schreiben den TeilnehmerInnen die Möglichkeit gibt, etwas Greifbares zu erschaffen. Durch das Schreiben werden die Gedanken sichtbar und mitteilbar.“
Dieser Eindruck wird von den AutorInnen bestätigt: „Anfangs war ich skeptisch, weil ich nicht mehr selber schreiben kann. Ich dachte, es hat weniger Sinn, wenn jemand anderes schreibt, aber ich habe gelernt, dass es gleichwertig ist“, sagt Hans zu der Gruppe. Beate meint: „Es ist schon toll, wenn man sich einfach an der AG beteiligen kann und durch Worte etwas aussagen kann.“ Und Helmut: „Schreiben war nie meine starke Seite. Die Worte müssen vorher im Geist sein. Ich finde die Treffen gut, weil ich lerne, sie zu formulieren. Das ist eine gute Erfahrung.“
Mit guten und auch überraschenden Erfahrungen soll es weiter gehen. Neben der Schreibgruppe gibt es seit September eine Video-Werkstatt unter der Leitung von Matthias7. Welche Bilder gibt es, welche Geschichten lassen sich finden und erfinden, rund ums Leben im MS-Heim? Und natürlich: Wie kann Videotechnik so eingesetzt werden, dass die TeilnehmerInnen trotz ihrer und mit ihren Handikaps selbst filmen können?
Wir sind gespannt und werden berichten.

Annette Rösel und Michaela Grön

Malin wartet auf Spielgefährten
Annette und Beate

1 Aus dem Sea-Live:
Wir haben auch Piranhas gesehen. Leider haben wir die Fütterung verpasst, die war um 11.00 Uhr und wir sind erst kurz danach reingekommen. Die Piranhas sehen ganz harmlos aus, aber man darf denen nicht den kleinen Finger reichen, dann fressen sie den ganzen Menschen auf. Sie sind so groß wie Arnes Hand, also nicht größer als die Fische in der Leine.

2 Michaela Grön ist Diplom-Kulturwissenschaftlerin und gestaltet Kulturkonzepte und -projekte.
3 Sascha Pranschke ist Diplom-Kulturwissenschaftler und Dozent für Kreatives und Journalistisches Schreiben.

4 Annette Rösel ist Diplom-Kulturpädagogin und Dozentin für Kreatives Schreiben.

5 Hans Allner, Arne Haschen, Beate Kliewer, Jana Papenberg, Anna Papenhagen, Helmut Schneider und Dorothee Willers.

6 Urlaubsimpressionen:

Weißt Du, wie der Urlaub riecht?
Er riecht nach voller Blütenpracht,
nach Frische und Verzauberung,
nach Blumen und nach Freiheit,
Tomate und auch Sonnenöl.

Weißt Du, wie der Urlaub klingt?
Er klingt nach Rauschen der Blätter im Wind,
nach weitem Meer und kargem Moor,
nach Kuhglockengeläut auf hoher Alm
dem Geplatter von Regen auf meinem Zelt
und Lagerfeuerrauch.

Weißt Du, wie der Urlaub schmeckt?
Lecker, wenn man an Spagetti mit grüner Soße denkt,
an eine Palette Eis und kalte Cocktails.
Er schmeckt nach Gewürzen, fremd und neu,
nach Kaiserschmarrn und rotem Wein,

Urlaub schmeckt einfach extrem gut:
auf der einen Seite salzig wie das weite Meer
und auf der anderen Seite wie Eis, so süß.
                              

Der Urlaub  war
blau wie der Himmel
der für Freiheit steht.

Der Urlaub war
                unbeschreiblich dunkelblau,
                ein einziges Glücksgefühl.

Der Urlaub war himmelblau –
                einfach klasse!

7 Matthias Bittner ist Theaterpädagoge und Autor für Medienformate.