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25-jähriges Jubiläum des Wohn- und Pflegeheims für Multiple-Sklerose-Erkrankte der Stiftung Linerhaus am 10. Oktober 2013

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des MS-Heims feierte die Stiftung Linerhaus am 10. Oktober ein ganztägiges Fest. Es begann am Morgen mit einem Festakt mit Andacht in der Aula der Stiftung, zum dem rund 120 BesucherInnen gekommen waren. Am Nachmittag ging es zünftig weiter mit einem Oktoberfest im Zelt mit rund 100 Gästen: BewohnerInnen und ihre Angehörigen, aktive und ehemalige MitarbeiterInnen sowie Weggefährten des Hauses.

Zu Beginn des Festaktes wies der Vorsitzende des Stiftungsrates, Axel Lohöfener, in seiner Begrüßung darauf hin, dass die Stiftung Linerhaus die älteste diakonische Stiftung Niedersachsens ist, die in sieben Jahren 175jähriges Bestehen feiert. Sie wurde gegründet, um Not und Armut zu lindern, zu einer Zeit, da im Zuge der Industrialisierung weite Teile der Bevölkerung verarmten.
Die Einrichtung eines MS-Heims geschah 1988 vor dem Hintergrund, dass adäquate Institutionen für die Betreuung und Pflege chronisch kranker MS-Patienten fehlten. Im spezialisierten MS-Heim in Celle, das in Deutschland zu den beiden einzigen gehört und bundesweit Beachtung findet, werden die Bewohnerinnen und Bewohner entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse betreut. Mit dem Ansatz der aktivierenden Pflege werden sie dabei unterstützt, ihre Selbständigkeit, Mobilität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erreichen.



Staatssekretär Jörg Röhmann richtete die Grüße der niedersächsischen Sozialministerin aus, die aufgrund eines Termins mit dem Ministerpräsidenten nicht selbst zur Jubiläumsfeier kommen konnte. Er erinnerte an die Zeit vor 25 Jahren, in der chronisch Kranke und Behinderte sich in Seniorenheimen wiederfanden. Ein diskriminierender Zustand. Zu dieser Zeit habe dann ein Wandel in der Gesellschaft stattgefunden aufgrund der Erkenntnis, dass nicht alle pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen gleichbehandelt werden dürften. Das sei auch heute noch eine große Herausforderung. Der Anspruch der Inklusion sei es, alle Menschen in ihrem sozialen Umfeld zu belassen, dort, wo das Leben ist und Begegnungen stattfinden können. Die Gesellschaft müsse immer noch lernen, gut mit Menschen umzugehen, die anders sind. „Hier im MS-Heim werden die BewohnerInnen sehr gut betreut. Seien Sie also Botschafter für die Idee, dass Menschen dort gut ins gesellschaftliche Leben eingebunden sind, wo sie wohnen! Herzlichen Dank allen MitarbeiterInnen für Ihren Einsatz, der so wichtig ist. Das muss auch gesellschaftlich besser anerkannt werden. Die Pflege ist in unserem Land unterbezahlt. Es muss mehr Geld in das Pflegesystem fließen, damit die Frauen und Männer, die diesen Dienst für die Gesellschaft tun, eine adäquate Gegenleistung dafür erhalten.“

Dirk-Ulrich Mende, Oberbürgermeister der Stadt Celle, richtete der Stiftung und dem MS-Heim die Glückwünsche von Rat und Verwaltung der Stadt Celle aus. Er übermittelte in Absprache mit Landrat Klaus Wiswe auch die Grüße und Glückwünsche des Landkreises Celle. Mende betonte in seinem Grußwort die Besonderheit dieser Einrichtung für MS-Erkrankte, die es in vergleichbarer Form nur ein zweites Mal in Deutschland gibt. „Ich bin froh, dass wir in unserer Stadt ein solches fortschrittliches Wohnheim haben, das zur bundesdeutschen Spitze gehört“, betonte Mende und verwies auf die Bewohnerbefragung, bei der die BewohnerInnen ihre große Zufriedenheit und ihr „Zuhause“-Gefühl zum Ausdruck bringen. „Gestalten wir gemeinsam die Teilhabe der BewohnerInnen an der Stadtgesellschaft“, so Mende. „Sie haben bewiesen, dass das 25 Jahre gelingen kann – machen wir in diesem Sinne weiter.“

Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Wolfgang Heide, Chefarzt der Neurologie am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Celle. Er ist seit 10 Jahren im Stiftungsrat des Linerhauses tätig.  In seinem Rückblick auf 25 Jahre medizinische Forschung und Entwicklung zu Multipler Sklerose resümierte er, dass die Krankheit damals wie heute nicht heilbar ist, trotz intensiver Forschung, gerade in Deutschland. „Wir hoffen weiterhin, dass wir den Knoten zerschlagen können und in absehbarer Zukunft die Heilbarkeit der Krankheit erreichen“, so Heide. Dennoch könne man auf viele Erfolge verweisen, insbesondere was die Symptombehandlung betreffe. Hier sei aber nicht nur die medikamentöse Behandlung sondern auch und besonders die neuropsychologische Therapie wichtig: „Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie, auch künstlerische und kreative Angebote fördern bei den Betroffenen die Regenerationsfähigkeit des Gehirns. Im MS-Heim wird in dieser Hinsicht sehr viel für die BewohnerInnen getan und angeboten. „Herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Werk, das Sie hier im MS-Heim vollbringen! Ich erlebe das, wenn BewohnerInnen zu uns in die Neurologie des AKH kommen. Dann sind wir alle sehr beeindruckt vom pflegerischen Zustand der Patienten, und wir müssen uns Mühe geben, diesen Standart zu halten. Die BewohnerInnen versprühen sichtlich viel Enthusiasmus und Begeisterung für ihr Zuhause. In diesem Sinne alle Gute für die nächsten 25 Jahre!“

Die anschließende Andacht hielt Dr. Christoph Künkel, Direktor des Diakonischen Werkes der Landeskirche Hannovers. In seiner Ansprache bezog er sich auf die Losung des Tages: „Die Wahrsager schauen Trug und erzählen nichtige Träume, und ihr Trösten ist nichts.“ (Sacharja 10,2)
Er verwies auf zwei Aussagen von BewohnerInnen, die ihm aus dem Vorbereitungsgespräch mit dem Heimleiter Herrn Mähling markant in Erinnerung geblieben seien: ,Niemand kommt freiwillig her.’ Und: ,Ich weiß nie, wie es mir morgen geht’. Diese Aussagen seien ernüchternd, klar und auch brutal, gerade an einem feierlichen Tag wie diesem, so Künkel. „Sie verweisen auf die dunklen Seiten, die auch zum Leben gehören, gerade hier: das Leben mit Grenzen, nicht glatt, nicht einfach, und manchmal schwer erträglich für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen, nicht wissend, wie es morgen geht. Da sind Schönredner und Wahrsager nicht gefragt. Mehr ist nötig, wenn Trost und Halt gefragt sind. Dieses Haus lebt von dem Umgang miteinander, von dem gegenseitigen Tragen und Ertragen, auch wenn man keine Antwort hat. Es lebt vom Aushalten der Krankheit und der Grenzen, denen man nicht ausweicht. Das ist diakonisches Wirken. ,Ich bin bei dir und lasse dich nicht.’ Das kein Trugbild. Amen.“

Der Festakt wurde musikalisch von der Mezzosopranistin Camilla Lehmeier und Goran Stevanovic am Akkordeon gestaltet. Besonders kraftvoll und funkensprühend war die Arie „Yo soy Maria“ aus der Tango-Oper „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazolla. Als Begleitung für die Lieder während der Andacht war die Kombination aus Stimme und Akkordeon außergewöhnlich und charaktervoll.

Am Ende des Festaktes danke Stiftungsleiter Gerhard Ney allen Gästen für ihr Kommen. „Danke für die Worte, die Sie uns mitgebracht haben und uns mitgeben in die gemeinsame Zukunft.“
Zudem wies der Stiftungsleiter auf die druckfrische Jubiläumsausgabe der ms lina hin, die unter Beteiligung von BewohnerInnen und MitarbeiterInnen entstanden ist: "Die Zeitschrift stellt das Haus und seine Geschichte vor und liegt für Sie am Ausgang zum Mitnehmen bereit."
Er lud alle ins MS-Heim ein, zu einem Imbiss und zur Besichtigung des Hauses.

 

Am Nachmittag des Jubiläumstages feierte das MS-Heim ein Oktoberfest. Im Festzelt gab es bayerische Spezialitäten sowie Musik von den „Wienhäuser Klostertalern“ und dem „Bayrischen Bua“. Ausstellungen zeigten die Arbeit der Pflege, der Ergotherapie und der Tagesförderstätte. Auch das „Projekt Persönlichkeiten“ wurde vorgestellt, das im vergangenen August in Kooperation mit der Sparkasse Celle stattfand.
Im Haus konnten die Gäste den neu eingerichteten Snoezelraum besichtigen, einen Sinnes- und Entspannungsraum, und sich eine Multimediapräsentation über das MS-Heim ansehen, die von und mit BewohnerInnen entstanden ist. Die zur Cocktailbar umfunktionierte Caféteria lud zu fantasievollen Getränken ein.

In seiner Begrüßung erinnerte Stiftungsleiter Gerhard Ney daran, was schon in der Andacht am Vormittag gesagt wurde: „Keiner von den BewohnerInnen ist freiwillig hier. Daher ist es unsere wesentliche Aufgabe, für Sie und mit Ihnen, liebe BewohnerInnen, neue Perspektiven zu entwickeln und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – nicht nur alle 25 Jahre, sondern täglich. Dafür sind engagierte MitarbeiterInnen nötig, und wir haben immer sehr engagierte MitarbeiterInnen gehabt! Für alles, was in diesen 25 Jahren gelaufen ist, mit allen Höhen und Tiefen, die wir als ,Großfamilie’ hatten, danke ich Ihnen herzlich.“

Nicht nur das MS-Heim begeht in diesem Jahr sein 25jähriges Jubiläum, sondern auch Gerhard Ney, der 1988 als Leiter des MS-Heims zur Stiftung Linerhaus kam. Aus diesem Anlass überreichte ihm Thomas Röttger, der pädagogische Leiter der Stiftung, ein gerahmtes Foto mit rund 100 winkenden BewohnerInnen, Kita-Kindern und MitarbeiterInnen der Stiftung, aufgestellt zu einer großen 25. „In etwa so viele Beschäftigte waren es damals, als du bei der Stiftung begonnen hast“, so Röttger. „Heute arbeiten mehr als 350 Menschen beim Linerhaus, und rund 1 500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Stiftung betreut. Symbolisch für alle sagen wir dir mit diesem Bild danke für alles, was du in diesen 25 Jahren für die Stiftung Linerhaus getan hast.“

Ein Höhepunkt des Nachmittages war die Hochzeitsfeier von zwei BewohnerInnen, die ihre Partnerschaft von der Ortspastorin Helke Ricker segnen ließen und Ringe tauschten. Die Gäste des Oktoberfestes waren die Gemeinde und begleiteten die Zeremonie mit Liedern und Gebeten. In ihrer Ansprache erinnerte Ricker an das erste Treffen der beiden: „Als du, Ricky, das erste Mal zu einem Schnuppertag im MS-Heim kamst, warst du eigentlich der Ansicht, dass ein Heim nichts für dich ist. Aber als da Gunther im Foyer saß, sah die Welt schon anders aus. ,Hast du auch MS?’ ,Ja. Du auch?’ Nun habt ihr beide hier ein Zuhause gefunden, Geborgenheit und Halt. Euch ist wichtig, Gottes Segen für eure Verbindung  zu haben, dass ihr euch ihm anvertraut und euch einander. ,Wir haben nur MS´, sagt ihr. , Das ist ein bisschen scheußlich, aber mehr haben wir nicht. Wir hungern nicht, wir sind nicht allein und seelisch verarmt, wie Viele auf der Welt, vor allem Kinder. Uns geht es doch gut, und wir haben uns’. Dazu passt euer Trauspruch: ,Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln’.“

Eckhard Mähling, Leiter des MS-Heims, blickt am Ende des Festes zufrieden auf den Jubiläumstag zurück: „Wir hatten im Grunde zwei vom Wesen her ganz unterschiedliche Feiern an einem Tag. Der offizielle Festakt am Vormittag in der Aula der Stiftung war mit den Grußworten, der Andacht und der schwärmerisch-ausdrucksvollen Musik sehr feierlich und ernsthaft. Der Nachmittag dagegen war mit dem Oktoberfest auf dem Zelt im Garten viel familiärer, fröhlich und auch etwas deftig. Die Brücke zwischen diesen beiden Teilen war der Mittags-Imbiss im Anschluss an den Festakt. Viele der Ehrengäste waren dazu in ihrer feierlichen Garderobe aus der Aula ins MS-Heim gekommen. Sie waren interessiert an den Räumlichkeiten, ließen sich herumführen, aßen und tranken zusammen mit den BewohnerInnen und waren geradewegs Bestandteil des Hauses. In solchen Momenten wird deutlich, was das Wesen unseres Hauses ist: Der Schrecken der Krankheit MS verblasst angesichts der Normalität, die hier gelebt wird, im Alltag wie auch bei Feiern, in der Wohngemeinschaft und wie auch mit Gästen.  Die Behinderung ist nicht erschreckend sondern Teil des Lebens und so werden Gäste Teil des Hauses. Das ist der Funke, der auf Besucherinnen und Besucher überspringt, und das ist das Wesen von Inklusion.“